Grundlagen des Starhopping

Starhopping bezeichnet jene Form der Objektsuche, bei der man einen helleren Stern aufsucht und sich dann von Sternmuster zu Sternmuster bis zum Zielobjekt weiterbewegt.

Neben GoTo-Steuerungen und der Verwendung von Teilkreisen ist Starhopping eine der gebräuchlichsten Aufsuchmethoden. Richtig angewandt und vorbereitet ist man damit bei der Objektsuche kaum langsamer als ein Sternfreund mit computergesteuertem Teleskop. Erfahrung vorausgesetzt!

Folgende Punkte sind wichtig, um Objekte mittels Starhopping schnell zu lokalisieren:
(1) Das richtige Equipment (Montierung, Okular, Sucher, etc.)
(2) Das richtige Kartenmaterial / Gesichtsfeldschablone
(3) Systematische Planung und Beobachtung
(4) Möglichst große Bequemlichkeit bezüglich Sitzhaltung, Okulareinblick und Bekleidung

Das richtige Equipment

Montierung

Eine solide, vernünftig dimensionierte Montierung, die nicht gleich bei jedem Windhauch und bei jeder Berührung zittert oder wackelt ist Pflicht. Bei azimutalen Dobson Montierungen ist besonders auf die gute Nachführmöglichkeit in Zenitnähe zu achten und auch darauf, dass die Höhenräder nicht zu leichtgängig in ihren Lagern liegen. Jeder Okularwechsel führt sonst zu Gleichgewichtsproblemen. Ruckfrei aber mit leichtem Widerstand ist daher optimal für beide Achsen. Besitzer einer parallaktischen Montierung sollten nicht auf die Ein-Achsen Steuerung verzichten. Bei höherer Vergrößerung bleibt so das Gesichtsfeld erhalten, auch wenn zwischenzeitlich länger das Kartenmaterial studiert wird. Zur parallaktischen Montierung gehört selbstverständlich ein entsprechend dimensioniertes und schwingungsarmes Stativ.

Weitwinkel-Okular

Ein gutes Weitwinkel-Okular sollte unbedingt im Okularkoffer des Starhoppers zu finden sein. Je größer das Gesichtsfeld des Hauptteleskopes, desto mehr Sterne der Aufsuchkarte werden angezeigt und desto einfacher ist die Orientierung. Optimal ist ein Okular, das die kleinste sinnvolle Vergrößerung leistet und ein möglichst großes Eigengesichtsfeld hat (6-8mm Austrittspupille oder z.B. ein 40mm Erfle-Okular für einen Newton 200/1000).

Sucher

Der optische Sucher kann als 6x30 oder besser 10x50 Monokular ausgelegt sein. Im 10x50 sind viele Messiers direkt sichtbar und damit einfach zu finden. Gewöhnungsbedürftig ist für manche Amateure anfänglich das am Kopf stehende Bild. Es gibt mittlerweile Sucher, die ein seitenrichtiges und aufrechtes Bild mittels Prisma liefern. Der Vorteil einer "richtigen" Bildwidergabe ist aber schon nach wenigen Beobachtungsnächten irrelevant, denn man gewöhnt sich üblicherweise rasch an die Darstellung im Sucher. Winkelsucher sind trotzdem recht praktisch, vor allem wenn es darum geht Objekte in Zenitnähe aufzusuchen.

Eine gute Alternative oder gern auch als Zusatz zum Sucherfernrohr gibt es die Leuchtpunktsucher (Sky Surfer, etc...). Die Funktionsweise des eigentlich für Handfeuerwaffen entwickelten Zielgeräts ist einfach. Der Beobachter blickt durch eine Glasplatte auf das anvisierte Beobachtungsobjekt. Auf welchen Punkt das Visier dabei gerichtet ist, wird durch einen roten Lichtpunkt angezeigt, der aus einer Leuchtdiode kommend auf die Glasplatte projiziert wird. Diese Projektion ist möglich, weil die Glasplatte für rotes Licht eine leichte Spiegelwirkung hat. Der Visierbenutzer hat den Eindruck, als erscheine auf dem Zielobjekt ein roter Lichtpunkt.

In welchem Winkel der Betrachter selbst jeweils auf die kleine Glasplatte schaut, ist dabei ohne Bedeutung. Der Lichtpunkt zeigt immer auf den Zielpunkt. Die Helligkeit des projizierten Punktes kann geregelt werden. Leider bleibt bei vielen Geräten der Lichtpunkt trotzdem etwas zu hell - vor allem beim Anvisieren sehr schwacher Sterne. Die Glasplatte schluckt auch etwas Licht, was die anvisierten Objekte zusätzlich abgeschwächt.

Ein nützlicher Trick zum Auffinden besteht darin, mit beiden Augen zu peilen. Dabei blickt ein Auge durch den Sucher und das andere daran vorbei. So bleibt die volle Intensität des Sternenlichts erhalten, so dass auch schwächere Zielobjekte erkennbar bleiben.

Eine Variante des Leuchtpunkt-Visiers ist der so genannte Telrad-Sucher. Dieser projeziert schwach leuchtende Kreise auf die Glasplatte. Gemeinsam mit den Telrad Finder-Charts (Sternkarten mit einer Transparenten Maßstab Folie) ist der Telrad ein hervorragendes Werkzeug für den Starhopper.

Zenitspiegel

Refraktor Besitzer werden wahrscheinlich einen Zenitspiegel benutzen. Dieser hat den "Nachteil", dass das Bild zwar Aufrecht aber seitenverkehrt dargestellt wird. In der Literatur wird für Starhopping vielfach vom Zenitspiegel abgeraten, weil seitenverkehrte Sternmuster schwer mit dem Kartenbild in Einklang zu bringen wären.

Dagegenhalten muss ich, dass ich sowohl Refraktoren mit Zenitspiegel als auch einen Dobson verwende und das Umdenken keine Schwierigkeit bedeutet. Lediglich eine gewisse Eingewöhnungs- und Übungszeit für Neulinge muss einkalkuliert werden. Außerdem können PC-Sternkartenprogramme Karten seitenverkehrt drucken.

Zubehör

Selbstverständlich gehört zum richtigen Umgang mit Starhopping auch das richtige Zubehör. Da dies aber zum Großteil dem allgemeinen Zubehör entspricht, sei nur darauf hingewiesen, dass ein vernünftiger Kartenhalter mit angebauter Rotlicht-Beleuchtungsmöglichkeit sehr hilfreich ist. Man hat die Hände dann stets frei für die Teleskopbedienung.

Kartenmaterial / Gesichtsfeldschablone

Grundsätzlich sollte man die wichtigsten Konstellationen kennen, als unkompliziertes Einsteiger-Werk - sowohl im Format als auch in Ausstattung und Aufbau - ist der berühmte Atlas für Himmelsbeobachter von Karkoschka wunderbar. Fortgeschrittene Beobachter werden irgendwann ein umfangreicheres Kartenwerk anschaffen wollen, insbesondere wenn sie ein größeres Teleskop ihr eigen nennen.

Sternkarten sollten auf alle Fälle so viele schwache Sterne verzeichnet haben, dass im Gesichtsfeld des Teleskops bei geringster Vergrößerung genügende Orientierungspunkte vorhanden sind.

Weit verbreitet ist der Sternatlas Uranometria 2000.0 (3 Bände Nordteil/Südteil/Field Guide, 2. Auflage 22 Übersichtskarten mit Grenzgröße 6,5mag, 198 Karten mit Grenzgröße 9,75mag. 30.000 verzeichnete Deep-Sky Objekte, 26 Ausschnitt-Vergrößerungen besonders interessanter Objekte).

Für ein mittleres bis großes Teleskop muss ein Atlas mit noch höherer Grenzgröße herangezogen werden, wie zum Beispiel der Millennium Star Atlas, der 1,5mag tiefer geht. Der häufig anzutreffende Sky Atlas 2000.0 hat weniger verzeichnete Sterne als die Uranometria-Karten, für Teleskope bis 5 Zoll, ist er aber durchaus hinreichend.

Möglich und immer beliebter ist es natürlich sich die jeweiligen Karten einzeln und nach Bedarf über ein PC-Sternkartenprogramm auszudrucken. Guide (aktuell 8.0) unterstützt verschiedene Kataloge und die Grenzgröße liegt bei gewaltigen 14,5mag (15Mio Sterne). Für das Freeware Programm Carte du Ciel, mit dem die Starhopper-Route dieses Artikels erstellt wurde, sind der Tycho-2 und der USNO-A Katalog zum freien Download erhältlich und man kommt damit auf eine Tiefe von etwa 12mag. PC-Programme erlauben es, die gewünschte Grenzgröße und den Kartenmaßstab voreinzustellen. So kann die Karte für jede Teleskopöffnung optimal angepasst werden.

Genug Sterne verzeichnet zu haben bedeutet noch nicht, dass wir eine schwache Galaxie auch sofort sichten. Aber es bedeutet, dass wir im Gesichtsfeld garantiert genug Orientierungspunkte finden werden, um damit den exakten Zielort genau zu bestimmen. Und dies ist die Grundvoraussetzung, um mit verschiedenen Vergrößerungen und meist per indirekten Sehens die oft sehr schwachen Objekte schließlich dingfest zu machen.

Beim Feldeinsatz wird man aus mehreren Gründen statt der Originalkarten Kopien verwenden. Die teuren Atlanten werden so nicht der Witterung ausgesetzt und man kann mit handlichen Einzelblättern statt mit Büchern arbeiten. Außerdem sollten Starhopper-Routen voreingezeichnet werden.

Für das Voreinzeichnen und auch im Feld braucht es als Hilfsmittel die Gesichtsfeldschablone. Sie ist einfach herzustellen: Man visiert eine bekannte Himmelsgegend mit dem Übersichtsokular an, sucht die entsprechende Sternkarte und überträgt dann das Gesichtsfeld des Teleskops mit wasserfestem Stift auf eine Overheadfolie, die man über die Karte gelegt hat.

Es empfiehlt sich noch einen zweiten Kreis für ein Okular mit mittlerer Vergrößerung zu zeichnen, um im Zielgebiet sehr genau Peilen zu können. So ausgerüstet, kann auf den kopierten oder gedruckten Sternkarten bei Tag und in Ruhe eine Route zum gewünschten Zielobjekt ausgetüftelt werden. In der Nacht verfolgt man einfach die Reiseroute und wird jeweils sehr schnell zum Erfolg kommen. Wiederum bieten PC-Programme eine Hilfestellung. Markierungskreise (entsprechend der Gesichtsfeldschablone) können frei gewählt und platziert werden.

Systematische Planung und Beobachtung

Über die Planung wurde nun schon einiges gesagt, zusätzlich sollte man noch folgende Punkte berücksichtigen: Ich nehme mir gern pro Abend ein zwei Objekte vor, die hart an der Grenze meiner Ausstattung und meiner Beobachterischen Fähigkeiten liegen. Zweimal nichts gesehen zu haben ist durchaus zu verschmerzen - hin und wieder ist dann ja auch ein Erfolgserlebnis dabei. Die restlichen Objekte liegen im Bereich mittelschwer bis leicht.

Es gibt Amateure, die mit Starhopping mehr als 50 Objekte pro Nacht "abschießen". Jay Reynolds Freeman, ein amerikanischer Sternfreund behauptet von sich sogar per Starhopping in mancher Nacht mehr als 200 Objekte zu beobachten. Ich bin eher der langsame Typ und lasse mir gern Zeit in die verschiedenen Facetten eines Objektes richtig einzutauchen. Daher sind meine Objektlisten kurz. Ob man der eine oder der andere Typ ist, ist egal. Bloß bei der Erstellung der Objektlisten sollte von vornherein darauf Rücksicht genommen werden.

Starhopp zu M36 im Fuhrmann

Als Equipment wollen wir ein 150/750 Newton (f/5) in Kombination mit einem 25mm Plössl Okular und einem 6x30 Sucher wählen. Man erreicht damit im Hauptteleskop bei 30facher Vergrößerung und 5mm Austrittspupille ziemlich genau ein wahres Gesichtsfeld von 1,6° oder ca. drei Vollmonddurchmessern (Plössls sind keine Weitwinkelokulare aber weit verbreitet, weshalb ich das Plössl in diesem Beispiel als Standardokular heranziehe). Der Sucher wird etwa 4° Gesichtsfeld haben.


Für den Beginn wählen wir einen hellen Stern in der Nähe des Zielobjektes. Es gilt dabei aber, dass vom Startpunkt aus ein Weg zum Ziel möglich sein muss. Daher ist der allernächste Stern nicht immer die beste Wahl. Die Auswahl der besten Startposition ist Erfahrungssache.

Für die Suche nach M36 ist Beta Tauri ein günstiger Startplatz. Stellen wir ihn in die Mitte des Suchers. Er sollte nun auch in der Mitte des Gesichtsfeldes des Hauptteleskops stehen. Falls nicht, ist jetzt der richtige Zeitpunkt um den Sucher entsprechend zu justieren.

Jetzt bringen wir Karte und Sucheransicht in Übereinstimmung und orientieren uns kurz. Die Kartenansicht ist auf den nachfolgenden Grafiken kopfüber dargestellt, so wie sich das Sternfeld auch im Newton-Teleskop und im 6x30 Sucher präsentiert.



Kreis 1: 6-7 hellere Sterne sind auf jeden Fall problemlos im Sucher erkennbar. Wir blicken weiter durch den Sucher und stellen Alnath ein wenig nach oben im Sucher (das Hauptrohr muss wegen der umgekehrten Ansicht nach oben bewegt werden). Es erscheint das markante Sternpärchen P1 im Gesichtsfeld.

Kreis 2: Stellen wir jetzt das Pärchen im Sucher nach rechts oben. Nun erscheinen Phi und Chi Auriga (P3) im Gesichtsfeld - zwei Sterne die bei gutem Himmel auch mit freiem Auge zu sehen sind. Zusätzlich werden wir noch das Pärchen P2 im Sucher vorfinden.

Kreis 3: Setzen wir P3 im Sucher nun etwas nach rechts, dann sind wir bereits im Sternfeld, das M36 enthält. Sollte das Objekt im Sucher unsichtbar bleiben, zentrieren wir den Stern HR 1854 (z) im Sucher.



Jetzt blicken wir durchs Hauptteleskop. HR 1854 präsentiert sich mittig im Okular und wir erkennen mühelos drei weitere Sterne der 8. Größe.



Von hier aus ist es ganz leicht M36 zu finden. Je zwei Sterne liegen auf einer Linie, die zu M36 weist. M36 befindet sich zudem schon am Rand des Gesichtsfeldes. Übrigens liegen in der Nachbarschaft auch die beiden anderen großartigen offenen Sternhaufen des Fuhrmanns Messier 37 und 38.

Der Aufsuchvorgang klingt ein wenig kompliziert; Realzeit braucht man für diese kleine Starhopper-Route keine volle Minute und wird schnell mit dem prächtigen Anblick des schönen offenen Sternhaufens belohnt.

Tipp

Bewegt man sich in sternreichen Regionen oder weitab heller Objekte, wird man schnell dahinter kommen, dass die Essenz des Starhoppings darin besteht Muster zu finden, die ins Gesichtsfeld des Suchers oder des Hauptteleskops passen. Und markante Muster finden sich immer!

Um das visuelle Erinnerungsvermögen zu unterstützen ist es zusätzlich günstig Mustern nach persönlicher Kreativität Namen zuzuweisen. Viele erkennen und erinnern leicht einfache geometrische Figuren und dann heißen die Muster entsprechend "gerade Linie", "gleichseitiges Dreieck", "Kreisbogen", "Parallelogramm", etc... Häufig kommen auch einfache Figuren wie in nachstehender Grafik vor. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt.



Schluss

Noch nie zuvor stand den aktiv beobachtenden Amateurastronomen eine so große Menge an hilfreicher Ausrüstung zur Verfügung wie heute. Dazu gehören u.a. die GoTo Teleskope, die prozessorgesteuert selbsttätig jeden gewünschten Punkt am Himmel finden und uns sogar erklären können, was wir betrachten. Da erhebt sich natürlich die Frage: Wozu Starhopping, wenn es auch praktisch ohne Bemühung geht.

Die sehr einfache Antwort darauf lautet: Es macht Spaß! Ein Sternfreund verglich Starhopping und GoTo-Geräte einmal mit Angeln gehen. Warum sollten wir geduldig warten, dass wir einen Fisch an den Haken kriegen, wenn es den Fisch im Geschäft ums Ecke zu kaufen gibt? Sehr einfach. Es macht eben wesentlich mehr Spaß. Die Freude am Starhopping ist die Freude des Jägers, der mit Geduld und Akribie seine Beute verfolgt, bis er sie sicher im Visier hat.

Es erhebt sich also genau umgekehrt die Frage: Warum sollten wir uns den Spaß am Verfolgen und Jagen nehmen lassen und statt dessen den schnellen aber nicht so spannenden Weg gehen und der Elektronik die ganze Arbeit überlassen.

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