2004-Aug-23

Ort: Urschendorf
Zeit: 20:00-01:45MESZ
Seeing nach Pickering: -
Grenzgröße: 6mag
Beobachter: Babsi, Stefan und Bettina deren Garten der Standort war
Beobachtungsgeräte: 200/800 Dobson Chandra, 120/1000 FH Merlin, Ferngläser
Thema: Sommerhimmel

Schönwetter war angesagt und diesmal hat endlich wieder einmal nach längerer Zeit alles gepasst. Schon beim Rausfahren nach Urschendorf stand die Bergkette der Hohen Wand sehr klar und scharf gezeichnet vor dem trägen Licht des Sonnenuntergangs und die letzten Fönwolkenfelder verabschiedeten sich Richtung Osten. Also ideale Bedingungen für eine Miniaturstarparty, die unter Beteiligung der Gastgeberin Bettina, der Navigatorin der STELLA - Babsi und meiner Wenigkeit stattfand.

Bettinas Garten - ein paar Kilometer abseits des kleinen Ortes Urschendorf (ca. 12km westlich von Wiener Neustadt) ist noch dunkel genug, um richtiges Deepsky-Feeling aufkommen zu lassen. Schon beim Aufbauen konnten wir erahnen, dass der Himmel diesmal die pure Freude sein würde. Wie geschliffene Edelsteine blitzten die ersten Sterne am samtblauen Himmelshintergrund auf. Babsi legte vorsichtshalber Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30 auf - wegen der zu erwartenden hellen Milchstraße (oder was doch bloß Autan gegen die Gelsen?). Kurz nach Einbruch der Dunkelheit spannte sich das zarte Lichtband unserer Heimatgalaxie beginnend im Schützen bis hinüber zur Cassiopeia mit der Dunkelwolkenteilung im Schwan klar und hell über uns. Tja und da kam der erste "verdammtichhabwasvergessen" Moment. Warum hab ich grad heut so aufs spechteln gefreut? Genau - weil Chandra einen neuen OAZ hat mit 2" Anschluss. Selbstverständlich hatte ich ein schönes 2" Oku eingepackt. Aber den Reduzierungs-Adapter auf 2" hab ich glatt liegen lassen *heul*. Na gut - sowas kommt bei mir sowieso standardmäßig vor. Und weil ich mir selber eh nicht trau, hab ich auch das schöne TAL 25mm Übersichtsokular mitgehabt :). Damit hat Chandra auch ein schön großes Gesichtsfeld. Ich hab es in dieser Nacht sogar vorwiegend benutzt.
Da Bettina ein Newbie - aber sehr interessiert - ist, versuchten wir zuerst die Objekte herzuzeigen die wir auch selber leicht finden konnten :). Also zunächst einmal den
Mond. Der kommt schließlich immer ganz gut an. Die Frage "wie groß sind die Krater" ist schon schwierig zu beantworten. Ich rettete mich durch Gelaber über die Höhe der Mondberge :)

Als es endlich dunkel genug wurde, gingen wir zum Deepsky-Angriff über:
M8 - Lagunennebel im Dobson. Besser noch mit UHC. Als es völlig finster war, stand M8 leider schon sehr tief. Trotzdem war die Lagune so leicht zu erkennen wie lang nicht mehr.
M11, den die bayrischen Albi-Kollegen "Melf "getauft haben ist sowieso großartig, egal welche Optik zum Einsatz kommt. Sogar im Fernglas gibt der Haufen ein phantastisches Bild ab. Im Teleskop lösen sich bei steigender Vergrößerung immer mehr Sterne aus dem neblig glühenden Hintergrund. Bei 88fach sieht man einige interessante rechtwinklige Sternketten in der Nähe des Haufenzentrums. Die gaben "Melf" den Namen "Wildenten-Haufen". Bleibt bloß noch die Frage offen, ob M1 in Bayern Meins genannt wird ;))
M57 Ringnebel in der Leier mit Merlin. Schön als Ringerl erkennbar, klar definierter äußerer Rand, dunkler in der Mitte, kein Zentralstern.
M22 - der beeindruckend große offene Sternhaufen in Richtung Zentrum der Milchstraße
Epsilon Lyra - der berühmte DoppelDoppel, den ich schon mal mit 3 Zoll getrennt gesehen hab. Aber Doppelsterne gucken ist was sehr Eigenes und ich bin nicht wirklich prädestiniert dafür (der entsprechende medizinische österreichische Fachausdruck lautet "Schaßaugat").
Albireo guckten wir natürlich - wegen des hübschen Farbunterschiedes und weil sich anhand der Farben die verschiedenen Sterntemperaturen zeigen lassen
M27 - weil er groß ist und auch für Anfänger-Guck leicht zu erkennen (viel einfacher als M57). Merlin zeigte übrigens nicht nur die Hantel sondern auch die Öhrchen eindeutig.

Soll ich´s erzählen? - Ok is eh wurscht. Ich wollt M27 auch einstellen, landete aber bei
M71 und hielt den Sternhaufen eine ganze Weile für den Hantelnebel. Hab mich noch gewundert, dass der Hantelnebel diesmal gesprenkelt ist und dreieckig. Jo, so blöd kanns gehen %)

Babsi nahm den
Eulenhaufen in der Cassiopeia aufs Korn - auch ein herrliches Vorzeigeobjekt, allein wegen der hübschen und markanten Form und Chandra fand den schon mit freiem Auge gut sichtbaren Doppelsternhaufen h+chi im Perseus. Besonders der reichere der beiden Haufen ist bei jeder Vergrößerung ein Genuss. Geht man mit 80-100fach rein, sieht man im Zentrum interessante Sternkonstellationen. Ist man schon mal da, darf das Muskelmännchen (OC Stock2) auch nicht fehlen. Von h+chi weist eine gebogene helle Sternkette auf den sportlichen Typen - passend zur grad laufenden Somme-Olympiade :)

M31 stellten wir ein - wegen der beeindruckenden Zeitreise von 2 Millionen Jahren. Nebenher war
M110 wieder super leicht als nebeliges Etwas zu erkennen,
M32 wieder mal mangels genauem Wissen wo sie liegt nicht. Bettina hatte die Aufgabe zwischen den Teleskopen hin und her zu springen und alles gebührend zu bewundern, während Babsi und ich die Navigatoren spielten. Nach
M13 beschloss Bettina schlafen zu gehen. 2 kleine Kinder haben keine Gnade mit Leuten die sich spät Nachts rumtreiben und in der Früh vielleicht ausschlafen wollen :). M13 war übringens endlich wieder mal teilaufgelöst und im 4mm Okular bei 200facher Vergrößerung bis Zentrum zumindestens gemottelt. Das Seeing war nicht das Beste - sonst wär noch mehr gegangen.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon so viele Objekte in kurzer Zeit aufgesucht, dass ich ziemlich den Überblick verloren hab, was wir tatsächlich gesehen haben. Auf jeden Fall stimmt die Reihenfolge nicht mehr. Ich glaube dass in der Aufstellung oben nicht viel fehlt, bin aber nicht sicher.

Richtig dunkel wurde es erst nach 22:30. Wir nahmen die letzte Beobachtungschance für den Schützen war. Von M8 aus tasteten wir uns hoch zum
Trifidnebel M20 (nur im UHC deutlich) und zum offenen Haufen
M21 (wenige Sterne aber sehr hell vor dem Sternhintergund und deswegen einfach zu erkennen). Von da aus nach Norden landet man in der Milchstraßenwolke
M24, die zwar brilliant ist, aber schon zu groß für meine Minimalvergrößerung. Von hier aus wollt ich M25 aufsuchen, hab mich aber in der Richtung vertan und bin auf
M23 gestoßen (wie ging das noch - "we do not make mistakes - we do have happy accidents" :). M23 ist für einen offenen Haufen ziemlich gleichmäßig rund, sogar mit Helligkeitszunahme zur Mitte hin. Auffallend der helle Einzelstern, der im Südwesten steht und anhand dessen ich meinen Irrtum nachträglich erkannt habe. Ach ja - der Babsi hab ich den Haufen auch erfolgreich unter der falschen M Nummer verkauft *tschuldigung*. Wie auch immer - im Schützen warteten noch zwei weitere schöne Objekte. Der
Schwanen- oder Omeganebel M17 (war in beiden Optiken als kleiner Schwan erkennbar. Beide zeigten die gleiche Abbildung, im 8 Zöller waren nicht mehr Details erkennbar als im 5 Zöller. Das Bild war lediglich ein wenig heller. Und schließlich noch der
Adlernebel M16. Wieder mal konnte ich den Nebel nicht erkennen - nur den eingebetteten kleinen Sternhaufen.

Nun stand Capricornus schon sehr hoch im Meridian und Babsi wollte
Uranus gucken. Mit der ziemlich abenteuerlichen Aufsuchkarte im Himmelsjahr war das Navigieren keine Freude - nur mit den Ferngläsern war Uranus eindeutig zu identifizieren. Auf den Lichtpunkt eingestellt (von dem wir glaubten, dass es Uranus ist), konnten wir leider bei keiner Vergrößerung ein Scheibchen erkennen. Zum Entspannen drechselten wir die Geräte nochmal zum Herkules und nach einem weiteren Blick auf M13 ließen wir den zweiten bekannten Kugelsternhaufen im Herkules
M92 durch die Optiken wandern. Der Unterschied zwischen beiden Kugelsternhaufen ist ziemlich krass - überhaupt wenn man bedenkt, dass beide mit 25.000 und 30.000LJ Entfernung gar nicht so unterschiedlich weit entfernt sind. Zum Kugelsternhopping am Sommerhimmel gehört
M15 im Pegasus auch unbedingt dazu. Der ist mit 35.000 LJ nochmal eine ganze Armlänge weiter weg, aber heller als M92. Deutlich sichtbar war, dass der Kugelsternhaufen eigentlich keine perfekte Kugelform hat, sondern ziemlich eiförmig ist. Außerdem konnte Chandra die Außenbereiche schon auflösen. Das Zentrum des Kugelsternhaufens, der immerhin ein Drittel des Vollmonddurchmessers misst erscheint sehr dicht und hell. Ein heller Stern steht knapp östlich.

Ein weiter Schwenk zurück nach Osten brachte wieder Cassiopeia, Perseus, Andromeda und Dreieck ins Blickfeld. Während Babsi einen OC Haufen des NGC einstellte holte ich mit Chandra
M33 vom Himmel. M33 war als großer (größer als der Vollmond) diffuser elliptischer - jedoch fast runder Fleck einfach sichtbar. Die Galaxie ist hell, aber völlig ohne Struktur. Nicht mal das Zentrum ist auffällig sondern eher sehr weich heller. Der Rand ist ebenfalls unklar definiert und verschwindet quasi irgendwann in der Hintergrundhelligkeit des Nachthimmels.

Einen kräftigen Schwung nach Norden liegt
M76 - der kleine Hantelnebel. Fast hätt ich ihn mit der kleinsten Vergrößerung (32fach) übersehen. Erst mit dem 9mm Okular war er einfach erkennbar. An eine kleine Hantel erinnert er mich aber nicht. Dazu ist die Taille zu wenig eingezogen. Sektkorkennebel würde besser passen - und außerdem gefällt mir der Name auch besser :). Der Rand ist recht scharf begrenzt, im Nebelteil sind keine Strukturen oder Helligkeitsunterschiede zu sehen gewesen.

Im Sternbild Cassiopeia befindet sich eine unglaubliche Anzahl an offenen Sternhaufen. Messier hat bloß einen davon in seiner Liste vermerkt. Es ist
M103 - nahe des Sterns delta Cass. Der Haufen ist im Teleskop schon bei kleiner Vergrößerung locker aufgelöst, leicht elliptisch und recht hell. Wegen des Milchstraßenhintergrundes aber nicht auffälliger als andere offene Haufen in Cass. Babsi passierte hier der nächste "happy accident" denn statt M103 fand sie mit Merlin die offenen Haufen
NGC663 und NGC654, der gleich daneben liegt.
Nicht weit entfernt und immer noch im Sternbild Cassiopeia bot der superreiche offene Sternhaufen
NGC7789 einen atemberaubenden Anblick. Von Babsis gut beleutetem Garten aus war 7789 mit Chandra sehr schwach erkennbar, aber man konnte bereits die größe dieses Haufens erahnen. Am dunklen Landhimmel vor der Hohen Wand war 7789 aber nicht mehr nur ein schwaches Glimmen. Vor dem nebeligen Hintergrund des halbmondgroßen und runden Haufens zeigte sich eine große Anzahl von Einzelsternen. Der nebelige Hintergrund ist in Wirklichkeit aber kein Nebel - 8 Zoll Öffnung sind bloß zuwenig um den Sternhaufen komplett zu durchdringen.

Der Vollständigkeit halber folgte ein Schwenk zu
M34, der in meiner M-Liste noch fehlte. Der kleine Sternhaufen liegt an der Grenze der Sternbilder Perseus und Andromenda und biete bei niedrigster Vergrößerung einen hübsche Anblick. Da er schon etwas abseits der reichen Milchstraßenfelder liegt, hebt er sich gut vom Hintergrund ab. Mit 30 Bogenmiunten Durchmesser und der Helligkeit von 5,5mag ist er eigentlich ein typisches Fernglas Objekt.

Nun war es schon weit nach MItternacht. Babsi versuchte eine Strichspuraufnahme, während ich meinem persönlichen M-Katalog eine weitere Sichtung hinzufügte.
M40 in UMa war grade noch sichtbar, bevor die Wagedeichsel sich hinter Baumwipfeln zu verschanzen drohte. Ein eher kurioses Objekt des Messier Katalogs. Bloß zwei 9mag Sterne in 50" Abstand. Eine Konstellation wie sie am Himmel hundertfach vorkommt.

Tja ich wurde langsam aber sicher müde. Trotzdem richteten wir die Röhren noch einmal Richtung, um Babsis M-Liste noch den Kugelsternhaufen
M30 im Capricornus hinzuzufügen. Im Newton war er bald gefunden, aber als ich ihn mit Babsis Merlin gucken wollte fand ich ihn nur mit großer Mühe. Und als ich ihn dann hatte war er enttäuschend finster und keine Sterne waren drum herum zu erkennen. Ein Blick auf das Objektiv zeigte warum. Merlin war komplett und schön dick zugetaut. Auch den Sucher hatte es schon erwischt. Beim genaueren Hingreifen viel mir jetzt auf, dass Freund Karkoschka irgendwie welk aussah und der Stoyan hatte Runzeln, die seinem jungen Alter nicht entsprachen. Auf meinem Fernglas stand das Tauwasser schon in Tröpfchen und auch Chandras Körper glänzte im Taschenlampenlicht. Die Optik des Newton war aber noch trocken. Die neu gebastelte Taukappe aus dichtem Schaumstoff war zwar auch zum Auswringen nass, hat aber wahrscheinlich genau deshalb die Spiegelflächen sauber gehalten.

Wir versuchten noch Merlin mit einem Handöfchen trocken zu legen, was uns schließlich auch gelang, aber da waren wir schon müde und bauten die Geräte ab. Während das Handöfchen sich um Merlin kümmerte saßen wir eine ganze Weile noch einfach so im Garten und ließen den wunderbare Sternenhimmel auf uns wirken. Schließlich haben unsere Urahnen auch Jahrtausende den Himmel ohne optische Hilfsmittel betrachtet und zweifelsohne sind der ästhetische Genuss und die Faszination in der Zwischenzeit nicht kleiner geworden. Aber dafür gibt´s ein paar Sensationen, die es früher noch nicht gab.

Um 01:04 sahen wir beim Kopf des Drachen 3 helle und einen etwas dunkleren Lichtblitz in kurzer Folge von Ost nach West, aber in einem Bereich der vier Vollmonbreiten nicht überstieg. Die erste Vermutung, dass es ein Iridium Flare gewesen sein könnte, wurde später von unserer Albireo-Satellitenpäpstin bestätigt. Die folgendes schrieb: "Das war Iridium 914tum tum = taumeln. Das sind die Fehlschüsse. Manche blinkern mehrmals hell, andere blinkern dunkler dafür aber über die ganze Flugline. Er war mit 5,3mag unterwegs und tauchte auch kurz nach dem Drachenkopf in den Erdschatten ein. Dahinter kam gleich Iridium 56. Die fliegen meistens im Doppelpack, allerdings flaren sie seltener zusammen." Dank an die Bine für die fachfrauliche Auskunft! Schon genial, dass grad der Drache Feuer gespuckt hat :). Daneben gab´s noch eine Menge hübscher Sternschnuppen manche davon ziemlich hell. Bei einer ganz besonderen Schnuppe sah ich leider in die falsche Richtung - aber Babsi glücklicherweise in die richtige. Und das schrieb sie am nächsten Tag: Genau im Westen hab ich gestern Nacht auch noch eine supergeniale Sternschnuppe gesehen: orangegelb leuchtend, sehr hell, genau senkrecht dem Horizont zustrebend, mit hellem Nachleuchten... X8D

Hmmm was kann man noch hinzufügen? Bloß dass jeder der nicht dabei war eine grenzgeniale Nacht verpasst hat. Zum Drüberstreuen waren wir kreativ und testeten neue astronomische Geräte. Zum Beispiel das UHC-Bino, welches in seiner Grundform zweien vor die Äuglein gehaltenen UHC-Filtern verdammt ähnelt :). Immerhin konnten wir damit die mexicanische Bucht des Nordamerikanebels identifizieren. Und zum Abschied winkten uns auch noch die Plejaden, die schon recht hoch im Osten den kommenden Herbsthimmel ankündigten.

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