2004-Juni-08

Ort: Wiener Neustadt
Zeit:
Seeing:
Grenzgröße:
Beobachtungsgerät: Refraktor (102/500 und 80/400, beide auf f/10 abgeblendet), Philips Vesta Pro
Thema: Venustransit

Venustransit - ein astronomisches Jahrhundertereignis und unglaublicherweise war sogar schönes Wetter :). Dabei war´s im Vorfeld richtig spannend. Den ganzen Mai lang Dauerregen und nur wenige Sonnenstunden. Auch Anfangs Juni sah´s nicht gut aus und bis 5 Tage vor dem Transittermin waren die Wettervorhersagen äußerst negativ. Noch am Montag sagte die Kanzelhöhe nur 60% Wahrscheinlichkeit für Niederösterreich voraus den Transit beobachten zu können, aber das Satellitenbild vom Montag Abend sah endlich vielversprechend aus.

Montag Nacht konnte ich ein paar Fotos im Skorpion und Schlangenträger schießen. Es war wunderbar klar und der Himmel blieb auch gottseidank in den Morgenstunden klar. So stand dem Aufbau der Geräte Dienstags Früh nichts mehr im Wege und die Vorfreude war groß. Pünktlich tauchte 07:19 MESZ die Venus am Sonnenrand auf. Die Sonne stand noch relativ tief und der flackernde Sonnenrand machte es schwierig den genauen Zeitpunkt des Eintritts zu bestimmen. 07:39 wurde es spannend - Tropfenbildung oder nicht? - ich sah keine. Weder visuell noch am Bildschirm ließ sich das sogenannte Trophenphänomen blicken. Die Venus löste sich sauber vom Sonnenrand (wegen der Verwendung eines Zenitspiegels sind alle Bidler seitenverkehrt).

Gif Animation des Eintritts vor der Sonnenscheibe von 07:20 bis 07:42 MESZ. Das Venusscheibchen misst etwa 12.000km und die Entfernung Erde-Venus betrug zum Zeitpunkt des Transits ca. 0,28 AE oder etwa 40Mio Kilometer. Daraus resultiert eine scheinbare Größe der Venus von rund 58 Bogensekunden oder einem 30stel des scheinbaren Sonnendurchmessers. Kein anderer Planet kann diese Größe erreichen. Das Marsscheibchen war zum Vergleich bei der hervorragenden Opposition im August 2003 ziemlich genau halb so groß.

Venusscheibchen mit dem 50/500 knapp vor dem endgültigen Ablösen vom Sonnenrand (Rohbild).

Jeremiah Horrocks Bericht des Transits vom 4. Dezember 1639: “I watched carefully from sunrise to nine o’clock, and from a little before ten until noon, and at one in the afternoon, being called away in the intervals by business of the highest importance which, for these ornamental pursuits, I could not with propriety neglect. But during all this time I saw nothing in the sun except a small and common spot… This evidently had nothing to do with Venus. About fifteen minutes past three in the afternoon, when I was again at liberty to continue my labours, the clouds, as if by divine interposition, were entirely dispersed, and I was once more invited to the grateful task of repeating my observations. I then beheld a most agreeable spectacle, the object of my sanguine wishes, a spot of unusual magnitude and of a perfectly circular shape, which had already fully centred upon the sun’s disc on the left, so that the limbs of the Sun and Venus precisely coincided, forming an angle of contact. Not doubting that this was really the shadow of the planet, I immediately applied myself sedulously to observe it.” Jeremiah Horrocks und sein Freund William Crabtree waren die einzigen und wohl auch ersten Menschen, die am 4. Dezember kurz vor Sonnenuntergang die Venus vor der Sonne schweben sahen. Die Beobachtung der beiden wären durch ihren frühen Tod beinahe in Vergessenheit geraten. Erst 1662 veröffentlichte Hevelius den in lateinischer Sprache verfassten Bericht von Horrocks.

Foto mit Webcam und dem 40/400 Refraktor. Das Foto ist von 08:47 MESZ. Es ist aus je 4 Bildteilen zusammengesetzt, da bei 400mm Brennweite die Sonne nicht mehr auf den Chip passt.

Geschichten um den Transit

Der erste Venustransit-Beobachter, der englische Kleriker Jeremiah Horrocks, beobachtete den Vorgang 1639. 1716 schlägt der große englische Astronom Edmond Halley vor, kommende Venustransits von möglichst weit voneinander entfernten Punkten der Erde aus gleichzeitig zu beobachten, um die Sonnenparallaxe zu messen.

Für die beiden Termine 1761 und 1769 begann dann die erste internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit in großem Stil. Ganze Observatorien wurden auf entlegenen Inseln errichtet, der Aufwand war enorm, bedenkt man die Reisemöglichkeiten im 18. Jahrhundert. Doch so manches groß angelegte Unternehmen scheiterte am Wetter. Viele waren beteiligt - unter anderem auch der berühmte und als Beobachter versierte Kapitän James Cook. Er leitete 1769 eine wissenschaftliche Reise nach Tahiti und war erfolgreich. Doch auch von Wien aus wurde beobachtet und gemessen - mit unterschiedlichem Erfolg. 1761 stand der Direktor der Universitätssternwarte, der Jesuit Maximilian Hell, auf dem Dach seines Instituts in Gesellschaft des Kaisers Franz Stephan. Doch Wolken verhinderten jede Beobachtung.

Für den acht Jahre später erwarteten nächsten Transit wurde Hell, inzwischen eine wissenschaftliche Autorität, vom dänischen König zum Beobachten nach Vardö, einem der nördlichsten Orte Norwegens, eingeladen. Diese Reise, die Maria Theresia vergebens zu hintertreiben versuchte, sollte einen Meilenstein der Astronomie liefern und einen mehr als hundertjährigen Wissenschaftskrimi auslösen. Hell und sein Assistent, ebenfalls ein Jesuit, konnten am 3. Juni 1769 den Transit vollständig verfolgen und Ein- und Austrittszeiten so genau bestimmen, dass später daraus eine Erde-Sonne-Entfernung abgeleitet wurde, die um bloß zwei Prozent neben dem heute gültigen Wert lag. Hell blieb monatelang in Skandinavien und ließ sich mit der Publikation seiner Ergebnisse Zeit, weil er sie zuerst seinem Gast- und Geldgeber, dem dänischen König, vorlegen wollte.

Das erweckte Argwohn, und als Hells Arbeit erst im Winter 1769/70 in Kopenhagen herauskam, wurden die Ergebnisse angezweifelt, obwohl sie die genauesten waren und zusammen mit jenen Cooks zu den bisher besten Werten führten. Der Originalbericht in Latein ist heute noch vollständig auf der Universitätssternwarte Wien archiviert. Einer von Hells Nachfolgern als Sternwartendirektor, Carl Ludwig von Littrow, gab die Aufzeichnungen in deutscher Übersetzung heraus, erlaubte sich allerdings abwertende Eingriffe und behauptete, Hell hätte seine Aufzeichnungen ausradiert und später nach anderen Ergebnissen gefälscht. Insgesamt haben den Transit von 1769 151 offizielle Beobachter verfolgt.

Mittlerweile stand 1874 ein weiterer Transit bevor, den unter anderen die Österreicher Edmund Weiss und Theodor von Oppolzer in Rumänien beobachteten. Es entstanden die ersten Fotografien (Daguerreotypien). Die Wahrnehmung des Transits von 1882 wurde wiederum weltweit koordiniert, und zwar durch den US-Astronomen Simon Newcomb, der selbst in Südafrika beobachtete. Als er 1883 Wien besuchte und den hier gerade aufgestellten Großen Refraktor - für kurze Zeit das größte Teleskop der Welt - begutachten wollte, zwang ihn Dauerregen zu Archivstudien.

Dabei fiel ihm der handschriftliche Bericht Maximilian Hells in die Hände. Newcomb kannte die Fälschungsvorwürfe, wollte sie aber nicht glauben. In einer Serie kriminalistischer Untersuchungen mit Farbvergleichen unter bestimmten Beleuchtungsverhältnissen gelang der Nachweis, dass Hell an Ort und Stelle korrigiert haben musste, nirgends Radierspuren zu sehen waren und dass es kurz nach den Beobachtungen in Vardö zu schneien begonnen hatte, die braune Tinte also nachträglich nass geworden sein könnte. Zu allerletzt erhärtete sich der Verdacht, dass Littrow farbenblind gewesen war und Farbdifferenzen der Tinte schwerlich hätte erkennen können. Von nun an war Hell rehabilitiert, und heute zweifelt niemand mehr an seinen Leistungen. Hell war nach Verbot des Jesuitenordens völlig verarmt 1792 in Wien gestorben.

Animation aus 7 Webcamfotos mit dem 40/400 Refraktor

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